Donnerstag, 24. September 2015

Wenn Streich mich fragen würde... (5)



Wenn Streich mich fragen würde, würde ich ihm Folgendes sagen:

Gut gebrüllt, Löwe! Eine Woche ist es jetzt her, dass du diese fulminante Pressekonferenz gegeben hast, in der du all das gesagt hast, was Politiker schon längst hätten sagen sollen. Und auch wenn es eine Woche her ist, werden deine klugen, klaren Worte niemals an Aktualität verlieren. Das hast du richtig gut gemacht.

Und er würde sagen:

Danke. Ich wurde halt gefragt. Und ich bin auch nur ein Mensch.

Und ich würde sagen:

Und zwar ein ziemlich Guter, wenn ich das mal so sagen darf. Weißte, ich bin ja oft nicht mit dir einer Meinung, was das Sportliche angeht und wahrscheinlich krieg ich beim nächsten Spiel wieder die Krise wegen deiner Wechsel oder so. Und Gott weiß, ich hätte dich vor allem in der letzten Saison dann und wann wachrütteln mögen. Aber alles in allem: ich bin froh, dass jemand wie Du Trainer des SC ist. Ich bin froh, dass du über den Tellerrand blickst. Und mit deinen Worten zur Flüchtlingsproblematik hast du mich so glücklich gemacht, wie es kein Sieg jemals machen könnte. Ich bin wirklich stolz auf diesen Verein!

Und er würde sagen:

Heulst du jetzt?

Und ich würde sagen:

MIR IST WAS INS AUGE GEFLOGEN OKAY?

Und er würde sagen:

Mmmh, sicher. Sicher!

Und ich würde sagen:

 Jetzt haben wir in dieser Rubrik aber ziemlich wenige Witzchen gemacht.

Und er würde sagen:

Gibt ja auch Wichtigeres.

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Aber er würde mich nicht fragen.


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 Christian Streich am 17. September 2015, Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Bielefeld:
  
„Grundsätzlich finde ich, dass von Ländern, die über die finanziellen Mittel verfügen- nicht nur europäische Länder-, vor Ort humanitäre Hilfe geleistet werden müsste, damit so viele Menschen wie möglich dort bleiben könnten, wo sie ihre Familie haben und wo ihre tatsächliche Heimat ist – und wo die Verbindungen sind, die emotionalen und die familiären Bindungen. Ich glaube, da sind entscheidende Fehler gemacht worden in den letzten Monaten, weil es zur Seite geschoben wurde. Und dann sogar noch Gelder reduziert wurden, von Ländern wie Deutschland oder anderen Ländern in der Europäischen Union, aber auch von Katar oder Saudi-Arabien, also Ländern, denen es wahrlich nicht an Geld mangelt. Ich glaube, das ist der entscheidende Fehler gewesen.

Und jetzt geht es darum, dass man sich den Menschen gegenüber öffnet, dass man sie empfängt und dass man Ängste abbaut – weil es bei ganz vielen Dingen einfach um Angst geht. Es geht immer um Angst vor dem Anderen, die Angst vor dem Fremden; das kann man bei sich selber ja beobachten. (…) Ich war mal im Jemen mit der A-Jugend vom SC Freiburg. Gut, ich bin vorher schon viel gereist, ich hab immer viel Interesse daran gehabt, ich fand das Andere immer spannend und hab um die Ecken geschaut, überall hingegangen, in die Hinterhöfe reingegangen. Mich hat es einfach interessiert. Ich wollte wissen: was passiert da? Es geht einfach darum, andere Sachen zu sehen, andere Denkweisen kennenzulernen. Es ist halt so, dass in anderen Kulturen anders gedacht wird. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Es wird anders gesprochen, es gibt völlig andere Herangehensweisen an Dinge die man sich, weil wir hier so sozialisiert sind, so gar nicht vorstellen kann.

Und jetzt geht es darum, sich da zu begegnen. Und kurzfristig auf ein bisschen Wohlstand nicht zu verzichten, aber umzuverteilen, gewisse Dinge von Menschen, die viel mehr haben, zu denen, die wenig haben. Und dann kommt natürlich noch dazu, dass alle Leute in der Wirtschaft, die sich dezidiert damit auseinandersetzen, sagen: wir brauchen Arbeitskräfte, wir brauchen Fachkräfte. (…)
Ich meine: die Leute ankommen lassen, ihnen ein anständiges Umfeld bieten, natürlich unbedingt sofort die Sprache lernen, verpflichtend, außer Frage. Es gibt keine Alternative zur Sprache. Und dann: arbeiten lassen. Wenn du junge Menschen nicht arbeiten lässt, ob das jemand ist aus Syrien oder aus Deutschland… wenn man mich mit 30 Jahren nicht arbeiten gelassen hätte und mich irgendwo eingesperrt hätte in ein Haus und ich mit ganz vielen anderen Menschen zusammen gewohnt hätte – und ich hätte über Jahre nicht arbeiten dürfen: dann wüsste ich nicht, was ich gemacht hätte. Ich will das nicht weiter ausführen. Auf jeden Fall wäre der Aggressionspegel gestiegen, es wäre zu Auseinandersetzungen gekommen. Und ich hätte mich geschämt, weil ich meinen Kindern keinen Roller oder irgendwas besorgen könnte. Das ist beschämend für dich dann als Mensch. Deshalb: arbeiten lassen, Programme entwickeln,  alles dafür tun, dass man diese Menschen integrieren kann. Weil, wir brauchen diese Menschen unbedingt. (…)

All die, die diese Ängste schüren, sind wahrscheinlich zu 80-90% Menschen, die eine Generation vorher, die zwei Generationen vorher oder maximal drei Generationen vorher Flüchtlinge, Vertriebene waren, die aus irgendwelchen Gegenden, aus Osteuropa oder anderen Gegenden, hierhergekommen sind. Aufgrund von Krieg, aufgrund von Arbeitslosigkeit, aufgrund von Not. (…) Irgendwoher sind die Leute gekommen und sind irgendwann an diesen Ort gekommen. Man war nicht immer dort, wo man ist. Und ich glaube, da muss man die Menschen aufklären: wir alle sind eigentlich irgendwann Flüchtlinge gewesen. Es ist immer eine Bewegung von Menschen, es ist nie ein Stillstand. Das, was jetzt passiert, war immer so.

Es war nach dem Ersten Weltkrieg so, es war nach dem Zweiten Weltkrieg so. Es sind aus Bremerhaven 8 Millionen Menschen verschifft worden, aus Hamburg 5 Millionen, nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die hatten nichts dabei. Die sind nach Amerika, Australien, Südamerika. So, dass muss man den Menschen bewusst machen, dass wir eigentlich alle selber Menschen sind, die irgendwann da gelandet sind und irgendwoher kamen, aus Hungersnot, aus Kriegsnot. Und genau das passiert jetzt.  Genau das ist es.

Der Außenminister von England, mir fällt der Name grad nicht ein, hat nach dem Ersten Weltkrieg gesagt, als vieles in Trümmern lag: Europa wäre, sinngemäß, der verlorene Kontinent. Und er hätte größte Bedenken ob dort in den nächsten Jahrzehnten überhaupt noch ein Leben lebenswert wäre. Er hat Recht gehabt: es war nicht lebenswert, es kam dann der Zweite Weltkrieg. (…) Europa war über Jahrzehnte ein verlorener Kontinent, mit Millionen Toten, mit furchtbarsten Ereignissen. Das muss man sich bewusst machen, das ist noch nicht so lange her. Jetzt ist es schwierig in Afrika, schwierig im Nahen Osten. Da gibt es Gründe: dass sie dort viele Fehler gemacht haben, ein anderer Grund ist natürlich, dass Europa über, man kann sagen, Jahrhunderte diese Kontinente ausgebeutet hat.

Ich glaube, diese Aufklärung ist wichtig; dass es dargestellt wird und dann ist vielleicht die Haltung eine andere. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich in Deutschland bin (…) und über vieles was in Deutschland passiert, freu ich mich auch sehr. Weil doch irgendwas gelernt wurde. Andere Dinge natürlich sind wieder schlimm, aber ein großer Teil der Menschen hat eine große Solidarität und da bin ich sehr glücklich drüber.

Jetzt haben wir wenig über Fußball geredet. Aber es gibt wichtigere Themen.“

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P.S.:
Auf Wiedersehen, Rudi! Und: Danke!
(al)

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